Tierkrankengymnastik-Berlin Martina Schatz-Heinrich

Bernersennen Hund Kliff

 

Der Hund war im Wald ausgesetzt worden und an einem extrem unzugänglichen Ort an einem Baum festgebunden worden. Dort musste der Hund eine sehr lange Zeit zugebracht haben, bis ein Jogger ihn dort befreien konnte und ins Tierheim brachte. Die Hundebesitzerin wurde durch eine Tierhilfesendung im Fernsehen auf Kliff aufmerksam und hatte Kliff  aus dem Tierheim geholt.

 

Als sie zu mir in die Praxis kam, lebte Kliff bereits 1 Jahr bei ihr. Frau Hille beschrieb mir das Hauptproblem: Kliff hatte Angst vor allem; Leine und Halsband, Spielzeug, Plastiktüten, Dunkelheit und besonders die Geräuschangst, selbst vor allen möglichen Alltagsgeräuschen. Und besonders Silvester. Er pflegte keine Hundekontakte, zeigte dabei Ignoranz oder wich aus. Spaziergänge waren eine Tortour, der Hund weigerte sich vor die Tür zu gehen und verkniff sich über 24 Stunden das Gassigehen.

 

Jede Nacht lief er unruhig umher, schlief sehr unruhig, wenn überhaupt und jammerte im Schlaf. Tagsüber und auch nachts hechelte er extrem ausdauernd oder leckte an den Pfoten.

Auffällig erschien der Besitzerin, dass der Hund beim Hecheln kaum die Zunge heraushängen ließ und beim Fressen nichts mit der Zunge aufnahm – er schnappte das Futter und schlang es extrem in sich hinein. Beim Trinken saugte er das Wasser auf, ohne die Zunge zu benutzen.

 

Die Situation wäre jetzt, nach dem Umzug der Besitzerin in eine andere Wohnung, besonders schlimm geworden. Kliff verfiel in Paniksituationen in eine Starre, wobei er seine Umwelt nicht mehr wahrnahm. Er blieb in dieser Position sitzen oder liegen und war nicht mehr zu bewegen.

 

Zusätzlich bestanden körperliche Probleme, wie eine leichte linksseitige Hüftdysplasie sowie Spondylose der Lendenwirbelsäule.

 

Bei diesem Patienten steht sicherlich das psychische Problem im Vordergrund aber auch die Gelenkschäden müssen Beachtung finden. Beide Komponenten – Psyche und Körper – können nur in einer ganzheitlichen Therapie den optimalen Erfolg bringen. So verursachen Gelenk- bzw. Knochenschäden Fehlhaltungen im Skelettsystem dadurch resultieren muskuläre Verspannungen und dieses verursacht Schmerzen. Dauerschmerz bedeutet für das Tier eine ständige zusätzliche Stresssituation, die durch eine Angstneurose noch verstärkt wird. Ein Teufelskreis von Panikattacken und dadurch stressbedingte Verspannungen sowie Dauerschmerz und Verspannungen mit ständiger Ausschüttung von Stresshormonen beherrscht die Situation.

 

Die Therapie besteht darin ein möglichst vielschichtiges Konzept zu erstellen.

1. Die Schmerzen und Verspannungen müssen schnellstens behoben bzw. gelindert

    werden.

2. Das angstauslösende Schema muss durchbrochen werden.

3. Der Besitzer muss angeleitet werden, die Therapie auch zuhause weiter zu führen.

 

In Kliffs Fall wurde die Hüftdysplasie sowie Spondylose mit Manueller Therapie und mobilisierenden Techniken aus der Krankengymnastik behandelt. Dehn- und Kräftigungs-übungen erhalten die Gelenkbeweglichkeit und geben dem beeinträchtigten Gelenken Stabilität. Durch vorsichtige Traktion verteilt sich die Gelenkflüssigkeit wieder zwischen die Gelenkflächen und entlastet den geschädigten Gelenkknorpel, Der Gelenkverschleiß wird verzögert und Schmerzen werden reduziert.

 

Zusätzlich werden durch die Krankengymnastik gezielt Muskeln, Sehnen und Knochenstruk-turen manipuliert, um eine Fehlhaltung zu korrigieren.Bei allen Arten von langanhaltenden und immer wieder kehrenden Angstreaktionen kommt es zu chronischen Beeinträchtigungen wie Muskelhartspann im Schulter-Nacken- und Rückenbereich bis zu knöchernen Bewegungseinschränkungen durch fixierte Angsthaltungen. Z.B. ständiges Rute-Einklemmen mit gerundetem Rücken, gebückter Haltung, Kopf-Einziehen etc., welches wiederum Schmerzen verursacht.

 

Das Tier lernt in diesem Fall in einem Bodentraining der Tellington-Therapie seine Angst zu beherrschen. Die einfachen Übungen befähigen den Hund sehr schnell sich einerseits koordiniert und ohne Fehlhaltung zu bewegen. Andererseits erlangt das Tier durch Bestätigung seiner Arbeit Selbstsicherheit und Zutrauen in seinen Körper und seine Fähigkeiten. Das Konzentrieren auf die Übungen fördert die geistige Auseinandersetzung mit Problemen – hier im Einzelnen mit den Übungssequenzen. Die Wiederholungen der Übungen geben Sicherheit und die Möglichkeit für das Tier kreativ zu agieren anstatt wie bisher nur auf Reize zu reagieren.

 

Für den Besitzer wird in der Bodenarbeit eine Hilfe gegeben, sich dem Tier und dessen Psyche zu nähern und adäquat darauf zu reagieren. Eine neue Kommunikation kommt durch die Arbeit mit Tier und Besitzer zustande, die beiden eine neue Perspektive im Zusammen-leben bietet. Der Hundebesitzer kann die Übungen leicht und mit viel Spaß erlernen, die Atmosphäre zwischen Hund und Besitzer ist nicht mehr negativ belastet.

 

Zusätzlich lernt der Besitzer in Gruppenseminaren oder auch in Einzelsitzungen eine bestimmte Massagetechnik der Tellingtontherapie. Diese hilft muskuläre Verspannungen zu lösen, verbessert das Vertrauensverhältnis zwischen Tier und Mensch und unterstützt den psychischen Gesundungsprozess.

 

Kliff konnte bereits nach wenigen Therapiesitzungen kleine Erfolge verbuchen. Seine Angst war zwar immer noch vorhanden, er konnte diese jedoch besser verarbeiten und reagierte angemessen, so dass seine Besitzerin während solcher Angstattacken das Tier ansprechen konnte. Er verfiel nicht mehr in diese Bewegungsstarre und konnte wieder Reaktionen zeigen.

 

Kliff muss zu Spaziergängen immer noch überredet werden, geht dann aber meist bereitwillig mit. Er ist inzwischen aber in der Lage auch mit anderen Hunden zu kommunizieren.

Die Bodenarbeit macht er in Kleingruppen mit 1 bis 2 anderen Hunden zusammen.

Die Schlafstörungen wurden mit Akupunktur behandelt. Kliff wandert gelegentlich nachts umher, findet dann aber schnell seinen Schlaf. Das nächtliche Hecheln hat nachgelassen und insgesamt wirkt Kliff ruhiger und ausgeglichener. Silvester ist nach wie vor noch ein großes Problem, Alltagsgeräusche und auch laute Geräusche bei Spaziergängen kann er gut ignorieren.

 

Kliff ist sicherlich durch die massiven lebensbedrohlichen Vorfälle in seiner Vergangenheit psychisch stark geprägt und im Zusammenhang mit seinen körperlichen Problemen zusätzlich belastet und somit ein sehr schwieriger Patient. An seinem Beispiel lässt sich die Konstellation eines ganzheitlichen Therapiekonzeptes besonders positiv nachvollziehen.