Tierkrankengymnastik-Berlin Martina Schatz-Heinrich

TT.E.A.M und Veterinärmedizin

 

Artikel aus TTEAM NEWS INTERNATIONAL

von Martina Simmerer, Tierärztin aus Wien

 

Die Zusammenarbeit unserer Universität mit Linda Tellington-Jones hat beinahe schon Tradition. Bereits im November 1989 fand im Wiener Reitinstitut eine Demonstration der TT.E.A.M.-Arbeit statt von Professor Knezevic, im darauf folgenden Mai direkt am Orthopädie Institut mit speziellen Aspekten für die Veterinärmedizin. Besonders Interessierte konnten ihre Eindrücke an den darauf folgenden Tagen in Ebreichsdorf vertiefen.

 

Jeden Tierarzt müsste das Herz höher schlagen, wie leicht und entspannt sich diese „geteamten“ Tiere überall berühren lassen. Selbst an den Nüstern, im Maul, am Gaumen – kein Körperteil wird dabei ausgelassen. Auch bei vorerst widersetzlichen Tieren ist das sehr schnell möglich. Es ist doch viel einfacher, Untersuchungen durchzuführen ohne heftige Abwehrreaktionen oder Verkrampfungen erwarten zu müssen. Ich denke dabei speziell an das Einführen von Sonden, i.v. Injektionen und besonders rektale Untersuchungen, die so durch die Anwendung des TTouch ohne große Angst und Verspannung tiergerechter durchgeführt werden können.

 

Aber die Vorteile der TT.E.A.M.-Methode gehen noch wesentlich weiter. Gerade im Turniersport, wo man sehr häufig mit Verspannungen, Rückenproblemen, Gleich-gewichtsstörungen und Koordinationsschwierigkeiten zu tun hat, werden dem Tierarzt als Behandelndem völlig neue Möglichkeiten im Umgang mit diesen Symptomen eröffnet. Natürlich ist man dabei stets auf die Kooperation mit dem Tierbesitzer angewiesen, aber ich glaube, dass derzeit ein großes Umdenken in Reiterkreisen zu erkennen ist, und der bisherige, doch oft auf Gewalt und „Dressur“ beruhende Weg zumindest kritisch überdacht wird.

 

Mit der Exploration (ein Durchtasten des Körpers) und durch sehr genaues Betrachten der physischen Konstitution (ist die Wirbelsäule gerade, steht das Becken schief, etc.) können Schwachstellen erkannt und nun gezieltere Behandlungswege eingeschlagen werden. Dabei sollte nie die Ganzheit eines Individuums außer acht gelassen werden – eine grundsätzliche Forderung aller „natürlichen“ Heilmethoden. Gerade hier sollte man sich des Grundgedankens der Feldenkrais-Prinzipien bewusst sein – warum sollte es nicht auch Tieren möglich sein auf diese Art zu lernen?

Aber zurück zu den weiteren Möglichkeiten für den Tierarzt, denn mit Verbesserungen der Muskulatur und der Bewegungsabläufe alleine ist die Tellington-Methode bei weitem noch nicht erschöpft. Durch Vertrauensbildung, das Entwickeln eines neuen Körpergefühls und das Bewusstmachen der einzelnen Teile zueinander können auch viele körperbedingte Verhaltensstörungen und Untugenden positiv beeinflusst werden.

Als Beispiel: Eine leicht hysterische Stute soll belegt werden. Sie aber wehrt den Hengst heftig ab. Schließlich gelingt das Decken nur in gefesseltem Zustand, jedoch die Stute konzipiert (empfängt) nicht.

Nach negativer klinischer Untersuchung kann im weiteren Vorgehen nach der TT.E.A.M.-Methode eine schreckliche Angst vor allem, was von hinten kommt festgestellt werden. Die Augen sind stark nach rückwärts hin geöffnet, die ganze Hinterextremität hart verspannt, der Schweif total eingeklemmt. Berührungen an der Hinterseite werden als extrem unangenehm empfunden. Eine eindeutige Indikation für TTouch, Bodenarbeit und vor allem Fahren vom Boden aus. (Spezielle Zügeltechnik)

 

 

Des weiteren lehrt Linda eine spezielle Technik zur ersten Hilfe bei Kolik (Verdauungsstörungen mit Magen-Darm-Aufgasung, die beim Pferd durch Herz-Kreislauf-Versagen zum Tode führen kann), die sich sehr bewährt hat.

Kräftiges Massieren der Ohren, Lenden-, Flanken- und Unterbauchgegend und ein wieder in Gang bringen der Peristaltik (natürliche Darmbewegung) durch spezifische Anwendung einiger Griffe mit einem Gurt oder dem Handtuch, eröffnet dem Tierbesitzer die Möglichkeit, etwas wirklich sinnvolles für sein Pferd zu tun, solange keine Tierarzthilfe möglich ist. Oft können ganz leichte Krankheitsformen alleine damit zur Gesundung führen – man denke nur an die wichtigen Akupunkturpunkte, die bei Kolik indiziert sind und hier mittels Akupressur stimuliert werden. Ein wichtiger Aspekt des TToches ist die verbesserte Durchblutung der bearbeiteten Teile, wodurch die Wundheilung beschleunigt, Schwellungen wegmassiert und Narben teilweise entstört und geschmeidiger gemacht werden können. Aber diese lokale Hyperämie (Mehrdurchblutung) ist nur eine oberflächliche Auswirkung des TTouches. Bekanntlich gehen diese kreisenden Berührungen wesentlich tiefer, Nervenbahnen werden aktiviert, alte im Unterbewusstsein gespeicherte Bewegungsmuster durchbrochen und lange Zeit blockierte Funktionen, die Stimmung und Gesundheit der Tiere beeinflussten, werden wieder aktiviert. Bei jedem Schmerzgeschehen werden Mechanismen von Schonhaltungen und -Bewegungen entwickelt, die über längere Zeit zu einem erheblich eingeschränkten Bewegungsmuster und zu Überlastung anderer vermehrt belasteter Teile führt. Genau hier setzt die TT.E.A.M.-Arbeit an. Darum sollten sowohl im Bereich akuter als auch bereits verjährter Verletzungen ihre Möglichkeiten wahrgenommen werden.

 

Nun sei die Massage an den Ohren besonders hervorgehoben: Bekanntlich befinden sich am Ohr sämtliche Akupunkturpunkte für den ganzen Körper, weshalb es sich empfiehlt, die Ohren immer als erstes bei Schock, Kreislaufbeschwerden etc. zu „touchen“. Aber auch das regelmäßige Ausstreichen der Ohren führt zu einem ausgeglicheneren widerstandsfähigeren Leben.

 

Zusammenfassend seien nun die wichtigsten Aspekte herausgearbeitet:

TT.E.A.M. führt zur Reduzierung von Stress, Angst, Verspannung, Schmerz und Widersetzlichkeit. Den Tieren wird geholfen, das „Lernen zu erlernen“, weitere Reflexe, die für den Betreuer oft eine große Gefahr darstellen, zu überwinden und ihr Selbstheilungspotential zu steigern.

 

Wie geht nun eine erste Kontaktaufnahme zum Pferd mit TT.E.A.M.-Augen gesehen vor sich? Zunächst können die Erkenntnisse über charakteristische Stigmata am Pferdekopf (resultierend aus jahrzehntelanger Erfahrung) gute Aufschlüsse über die Persönlichkeit des Pferdes geben. So kann man sich auch bei einem unbekannten Tier auf gewisse Reaktionsweisen einstellen.

 

Aber als besonders faszinierend empfinde ich die Leichtigkeit, Feinheit und Exaktheit in der Kommunikation zwischen Tier und Mensch: Sie erwächst aus einer feinmotorischen Hilfengebung, die Genauigkeit in der Ausführung, eine klare Vorstellung der Ziele und ein bewusstes Einsetzen der eigenen Körpersprache voraussetzt.

 

Anschließend  kann diese Methode als ein überaus flexibel einsetzbares Trainingssystem – nicht nur für Pferde – bezeichnet werden, welches leicht erkennbar ist, rasche Erfolge liefert und, vor allem viel Freude bereitet !